22.12.2014   |

Berufseinstieg für Ingenieure

Der Arbeitsmarkt ist für Hochschulabsolventen schwierig geworden

Die Zeiten, in denen Ingenieure als Hochschulabsolventen fast sicher eine Stelle bekamen, sind leider vorbei. Selbstkritisches Vorgehen ist jetzt ebenso gefragt wie geschicktes Taktieren. Das gilt auch für den frühen Stellenwechsel von Berufsanfängern.

Hochschulabsolventen haben es heute schwerer.

Foto: iStock / Thinkstock

Wenn ich heute Abend eine kleine Trainingsstrecke auf dem Laufband absolviere, muss ich mich zunächst für ein Programm entscheiden. Weil es so am einfachsten ist, wähle ich keine der vorprogrammierten Trainingssequenzen. Ich drücke die Speed-Taste bis … und stelle danach mit Incline die Steigung des Bandes ein. Danach geht es mehr oder weniger mühevoll los. So oder ähnlich müssen sich vor nicht langer Zeit die meisten Hochschulabsolventen der Ingenieurwissenschaften gefühlt haben.

Sie bestimmten das Tempo und den Neigungswinkel ihrer Karriere selbst. Viel Positives war über den deutschen Ingenieurarbeitsmarkt zu lesen und zu hören. Kein Wunder, dass sich in den Köpfen vieler Hochschulabsolventen und angehender Ingenieure das Bild der Einbahnstraße verdrahtete: Studierst du Ingenieurwissenschaften, machst du große Karriere und verdienst eine Menge Geld! Tempo und Steigung der Karriere bestimmst du selbst! Und, weil das Erfolgsrezept so einfach erschien, kamen die verkürzten Studiengänge mit Bachelor- /Masterabschluss und die Diskussion um die Generation Y diesen Gedankenspielen sehr entgegen. Kurz: Wer Ingenieurwissenschaften studierte, war leicht und locker auf der Erfolgsspur!

Ingenieure haben es heute als Hochschulabsolventen schwerer

Es ist unstrittig, Ingenieure waren lange Zeit generell sehr gefragt. Klar, Verlierer am Arbeitsmarkt gab es schon immer (auch unter den Ingenieuren), aber die standen in dieser Zeit nicht im Mittelpunkt. Tatsächlich brachten Finanzkrise und fortschreitende Globalisierung der Unternehmen eine Abkühlung und Normalisierung der Verhältnisse. Ganz konkret heißt das für die Gegenwart: In einigen Arbeitsmarktsegmenten wird nach wie vor stark nach technischen Fachkräften und auch nach Hochschulabsolventen gesucht.

So erfreuen sich etwa erfahrene Ingenieure der Versorgungstechnik, der Elektrotechnik oder des Bauingenieurwesens einer hohen Nachfrage. Auch die Suche nach Ingenieuren, die sich etwa in der Metallverarbeitung oder im Gießereiwesen auskennen, ist nahezu aussichtslos. In anderen Arbeitsmarktsegmenten herrscht große Flaute, da werden Arbeitsplätze „händeringend“ gesucht, etwa generell von Hochschulabsolventen oder von Ingenieuren aus der Telekommunikationsindustrie.

Ingenieure brauchen als Hochschulabsolventen ein realistisches Bild des Arbeitsmarktes

Junge Ingenieure tun gut daran, für sich ein differenziertes Bild des Arbeitsmarktes zu entwickeln. Das Bild der Laufbandkarriere muss völlig verschwinden. Karriere muss mehr denn je hart erkämpft werden und nicht alle Hochschulabsolventen schaffen als Ingenieure den Durchbruch. Wer allerdings auf einer ordentlichen Position angekommen ist, sollte sich vor vorschnellen Wechseln hüten, denn der Schritt kann daneben gehen und die neue Verfassung des Arbeitsmarktes verzeiht eben nicht mehr jede persönliche und berufliche Fehlentscheidung.

In diesem Sinne kommen mir aus aktuellen Coachings zwei Fälle in den Sinn, die die neue Arbeitsmarktsituation zeigen. Beginnen wir mit dem positiven Fall. Ein Bachelor, Studienrichtung Verfahrenstechnik, der nach zwei Jahren Berufspraxis 60.000 Euro nach Hause bringt. Er ist mit seiner Berufssituation nicht ganz glücklich. Fachlich fühlt er sich im Vergleich zu anderen Hochschulabsolventen unterfordert.

Hochschulabsolventen sollten ihren Marktwert nicht überschätzen

Im Unternehmen kommt der Ingenieur mit Vorgesetzten und Kollegen rundherum bestens zurecht. Durch seine fachliche Unzufriedenheit fühlt sich der Ingenieur möglicherweise zum voreiligen Stellenwechsel aufgerufen. Eventuell möchte er sich den sogar mit einer Gehaltseinbuße erkaufen. Er hat ein verklärtes, zu positives Arbeitsmarktbild im Kopf, das durch seinen traumhaften Berufsstart noch bestätigt wurde. Das ist für viele Hochschulabsolventen typisch.

Was empfiehlt sich für diesen Kandidaten? Zu Beginn und ganz wichtig: Ein realistisches Bild entwickeln über Aufgaben, die Ingenieuren in den ersten Berufsjahren zugetraut werden. Wahrscheinlich wird Hochschulabsolventen der Bachelor-Studiengänge tatsächlich zu wenig zugetraut! Zudem steht das Gehaltsniveau einem Stellenwechsel entgegen. Nach klassischen Arbeitsmarktgesetzen müsste ein neuer Arbeitgeber noch eine Schippe aufs aktuelle Gehalt drauflegen. Für potenzielle Arbeitgeber dürfte es zudem verdächtig wirken, wenn der Ingenieur im Vorstellungsgespräch freiwillig Gehaltseinbuße anbietet.

Die Ingenieure unter den Hochschulabsolventen machen unterschiedliche Erfahrungen

Insgesamt steht der Ingenieur vor einem Luxusproblem. Er sollte zunächst die Wechselgedanken begraben und sich durch praktische oder theoretische Weiterqualifizierung auf ein höheres Niveau schrauben. Da wäre zum Beispiel ein berufsbegleitendes Masterstudium ideal oder eine interne Veränderung beim Arbeitgeber in eine fachlich anspruchsvollere Position. Andere Hochschulabsolventen befinden sich in einer weniger beneidenswerten Situation.

Fachhochschulstudium Maschinenbau, guter Studienabschluss, passable Studienzeit, gute Qualifikationen brachten für die Hochschulabsolventen noch keinen Ingenieurjob. Ein Ingenieur bewirbt sich seit einem halben Jahr nach Abschluss des Studiums. Zweifel kommen bei ihm auf, ob er überhaupt für einen Ingenieurjob geeignet ist. Er ist sich nicht sicher, wie es weitergehen soll.

Hochschulabsolventen und angehende Ingenieure sollten selbstkritisch sein

Der Ingenieur sollte nochmals sehr selbstkritisch überprüfen, ob er in diesem halben Jahr wirklich alles getan hat, um einen passenden Arbeitgeber zu finden. Wie sah es mit den Bewerbungswegen aus? Hat er sich nur online auf Stellenangebote beworben, auf die sich jeder bewirbt? Bewarb er sich möglicherweise nur bei Arbeitgebern, zu denen jeder will? Hat er sich deutschlandweit beworben oder nur „vor der Haustüre“? Waren die Gehaltsvorstellungen angemessen oder zu hoch? War die Anzahl der Bewerbungen erheblich oder doch zu sparsam? Hochschulabsolventen müssen ihr Bewerbungsverfahren infrage stellen.

Gibt es tatsächlich keinen Job, könnte er über einen Bildungsupgrade einen höheren und attraktiveren Abschluss erzielen. Wichtig wäre es dann bei der Weiterqualifizierung auf die richtigen Schwerpunkte zu schauen. Alter und neuer Studienschwerpunkt müssen einen interessanten Mix für den Arbeitsmarkt ergeben. Ein kreativer Gedankenrundumschlag könnte aber auch in andere fachliche Regionen führen, etwa den der digitalen Medien. Flexibilität, Kreativität und Arbeitsmarktkenntnisse sind bei Hochschulabsolventen der Ingenieurwissenschaften gefordert!

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von Bernd Andersch, andersch-consulting.de

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