09.05.2017   |

Bewerbung

Stellenanzeigen analysieren lernen

Stellenanzeigen quellen oft vor wohlfeilen Qualifikationen über: Der Bewerber ist irritiert und lässt es im Zweifel lieber sein. Doch damit vergibt er womöglich Chancen. Besser ist, Offerten richtig lesen zu lernen.

Wer eine erfolgreiche Bewerbung erstellen will, sollte auf das Kleingedruckte achten.

Foto: ddp images/Markus Mainka/Shotshop

Sie wollen nur die Besten der Besten, absolute Alleskönner, vielseitig interessiert, engagiert und einsetzbar. Wenn Personaler Stellenanzeigen schreiben, stimmen sie mitunter ein vielstimmiges Wunschkonzert an. Dumm nur: Wen sie wirklich suchen, wird so nicht klar. Eier legende Wollmilchsäue wohl kaum, denn dann blieben die Stellen unbesetzt.

Abstriche bei den Qualifikationen machen

Und doch müssen Jobaspiranten aus dem Allerlei von Gesuchen herausdestillieren, ob das Angebot für sie passt, eine Bewerbung lohnt. Nicht einfach. „Gerade jüngere Ingenieure denken in ihrem Perfektionismus, sie müssten alle Anforderungen erfüllen – ein Fehler“, sagt Buchautorin und Verhandlungsexpertin Claudia Kimich aus München. Manchmal genüge es, gerade mal die Hälfte der geforderten Qualifikationen mitzubringen.

Als Faustregel nennt Kerstin Ercolino, Managing Consultant Operations bei Von Rundstedt: „Eine Bewerbung lohnt, wenn der Bewerber 75% der Anforderungen erfüllt.“ Sie möchte nicht verallgemeinern, sieht bei Ingenieuren jedoch auch einen verhängnisvollen Hang: „Meine Erfahrung ist, dass Ingenieure dazu neigen, Stellenanzeigen bis ins Allerkleinste zu analysieren. Wenn sie nicht zu 100% dem geforderten Profil entsprechen, möchten sie sich nicht bewerben.“ Damit vertun sie Chancen. Gleichwohl sollte schon genau hingeschaut werden. „Bei einem international aufgestellten Unternehmen, das interkulturelle Kompetenzen nachfragt, lohnt die Bewerbung nicht, wenn ich bisher nur im nationalen Bereich gearbeitet habe“, bemerkt Ercolino.

Positionen kennen und abgleichen lernen

Besonders Berufseinsteiger neigen dazu, falsche Vorstellungen von Jobs zu haben, beobachtet Bewerbungshelfer Gerhard Winkler aus Neuenhagen bei Berlin: „Manchem ist nicht ganz klar, was beispielsweise ein Applikationsingenieur mitbringen muss: Etwa die Bereitschaft viel zu reisen, verhandeln und verkaufen zu können.“

Erfahrenere Ingenieure hauen nach seiner Erfahrung selten daneben. „Wer vom Fach ist, achtet in Stellenanzeigen auf Schlüsselbegriffe, der lässt sich nicht vom allgemeinen Singsang, der auf Pfarrer und Pförtner passt, blenden, sondern hat die harten Anforderungen im Blick.“ Sollte das Profil unklar formuliert sein, rät Winkler zum persönlichen Gespräch. „In einem Telefonat können nicht nur offene Fragen geklärt, sondern auch für sich selbst geworben werden.“ Am Ende wird jedenfalls eine passgenaue Bewerbung dabei herausspringen.

Vorsicht vor Stellenangeboten, die keine sind

Vorsicht geboten ist, wenn es nur so vor Standardformulierungen strotzt: „Möglicherweise handelt es sich dabei um eine pro forma Ausschreibung, obwohl tatsächlich aber gar keine Stelle zu vergeben ist“, sagt Kimich. Von daher sollte immer auch auf der Website des Unternehmens nach der Offerte geschaut werden, wobei sich oft auch erschließt, wie lange schon gesucht wird.

Ohnehin rät Kimich, gut zu recherchieren, wie es um die Firma steht und wie sie mit Mitarbeitern umgeht – Blogs können da sehr hilfreich sein. „Wenn eine spezifische Fachkraft gesucht wird, aber kein Ansprechpartner in der Anzeige auftaucht, sollte man dem nachgehen“, rät Winkler, „Kein Ingenieur mit einer 55-Stunden-Woche hat die Zeit, sinnlose Bewerbungen zu schreiben.“

„Unabdingbare Kompetenzen“ sind auch welche

Daher lohnt die Exegese der Personalerprosa. Wesentliche Interpretationshilfe ist, zwischen Kann- und Mussformulierungen unterscheiden zu können. „Beim Abgleich des Anforderungsprofils mit dem persönlichen sollte man genau auf die Formulierung achten: ‚wünschenswerte Kompetenzen‘ oder ‚Fähigkeiten, die von Vorteil‘ wären, sind keineswegs ein Muss und somit auch kein K.-O.-Kriterium für eine Bewerbung“, sagt Ercolino.

Alles andere als ein Bonus sind unabdingbare Kompetenzen. Musskriterien erkennt man etwa an Formulierungen wie ‚Sie sollten‘ oder ‚ … müssen Sie mitbringen‘ oder ‚Sie zeichnen sich aus durch‘ oder ‚erforderlich sind‘. „Außerdem sind die ersten Punkte, die das Unternehmen fordert, meist ein Muss“, erklärt Kimich. Prädestiniert hierfür seien die Berufserfahrung, der überdurchschnittlich gute Hochschulabschluss und fachliche Spezialisierungen.

Hinter Standard-Formulierungen steckt Kalkül

Bei allen anderen nicht näher spezifizierten oder priorisierten Punkten bleibt dem Aspiranten eine Nachfrage kaum erspart. „Werden in der Stellenanzeige pauschal ‚Englischkenntnisse‘ gefordert, ist es sinnvoll nachzuhören, welche Qualitäten diese haben sollten: Reichen ‚gute Kenntnisse‘ aus oder müssen sie ‚verhandlungssicher‘ sein?“, nennt Ercolino ein typisches Beispiel.

„Es ist völlig okay, wenn Unternehmen mit Standardformulierungen arbeiten“, sagt sie, „Bewerber sind dann allerdings gut beraten, beim Unternehmen anzurufen und Informationen abzufragen, die für eine Bewerbung wichtig sind.“ Firmen versprächen sich mitunter durch Standardformulierungen viele Bewerbungen. Ein krummes Kalkül: Denn häufig stimmt die Qualität dann nicht. „Sie erhalten Masse statt Klasse“, sagt Ercolino und appelliert: „Ich würde Unternehmen dazu raten, gute Anzeigen zu schreiben, um auch Bewerbungen von guten Bewerbern zu erhalten.“ 

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von Chris Löwer

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