17.11.2015   |

Bewerbung

Lügen in der Ingenieur-Bewerbung? Wie viel Schummeln ist erlaubt?

Kleiner Schwindel in der Bewerbung, den viele selbst gar nicht als „Schwindel“, sondern eher als kleine Schönheitskorrektur darstellen. „Es lügen doch alle in Bewerbungsverfahren“, sagte neulich einer der Ingenieure, die ich bei ihren Bewerbungen unterstützen durfte. „Die Unternehmen lügen bei dem, was Sie bieten und beschreiben die zu besetzenden Positionen oft als sehr viel positiver oder interessanter als sie tatsächlich sind.

Schummeln erlaubt?

Foto: iStock / Thinkstock

Geschwindelt und gefloppt

„Als ich der TKE die letzten Kandidaten vorgestellt habe, hatte ich einen rabenschwarzen Tag“, erzählt mir mein Freund Uwe, der als Personalberater vornehmlich Führungspositionen besetzt. Auf meine Frage nach dem Warum berichtet er weiter: „ Dort arbeite ich seit einigen Monaten mit dem neuen Personalchef zusammen. Der ist unglaublich klug und knallhart. An diesem Tag habe ich ihm drei Kandidaten präsentiert, die ich als „gut“ vorgeschlagen hatte und alle drei sind durchs Raster gefallen. Es handelt sich um eine Position, in der man international tätig ist, weshalb man fließend Englisch und Französisch sprechen können muss. Alle Kandidaten hatten das in ihrem Lebenslauf angegeben und bei keinem hat es gestimmt. Der Personalchef hat im Gespräch von jetzt auf gleich ins Englische gewechselt, zurück ins Deutsche und hat dann französisch gesprochen. Meine Kandidaten haben rumgestottert und von „fließend“ war das ganz weit entfernt. Das war natürlich auch für mich unangenehm, denn ich hatte die sprachliche Qualifikation in den Vorgesprächen nicht in Frage gestellt. Ich werde in Zukunft noch sorgfältiger prüfen müssen, ob auch wirklich alle Angaben korrekt sind, denn der Personalchef tut es sowieso und ich möchte nicht dastehen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht.“

Es lügen doch alle …

Kleiner Schwindel in der Bewerbung, den viele selbst gar nicht als „Schwindel“, sondern eher als kleine Schönheitskorrektur darstellen. „Es lügen doch alle in Bewerbungsverfahren“, sagte neulich einer der Ingenieure, die ich bei ihren Bewerbungen unterstützen durfte. „Die Unternehmen lügen bei dem, was Sie bieten und beschreiben die zu besetzenden Positionen oft als sehr viel positiver oder interessanter als sie tatsächlich sind. Und wir, die Bewerber reagieren darauf und tragen eben bei unserem Selbstmarketing ein wenig dicker auf. Gleiches Recht für alle!“ Es wird kaschiert und frisiert und oft führen diese kleinen Beschönigungen der Realität tatsächlich eher zum Erfolg als die nicht ganz so positive Wahrheit.

Jeder Dritte macht falsche Angaben

Jeder dritte Bewerber macht falsche Angaben im Lebenslauf, im Anschreiben oder beidem. Oft werden Zeiten frisiert, eine Zeit der Arbeitslosigkeit kaschiert, bei den Angaben zu den vorherigen Jobs und dem letzten Gehalt übertrieben. Da hat man ein erfolgreiches Projekt geleitet anstatt nur darin mitgewirkt und der gelegentliche Kontakt mit ausländischen Geschäftspartnern wird als permanentes Arbeiten in internationalen Teams dargestellt. Klappern gehört eben zum Handwerk, aber wehe wir treffen auf einen so ausgeschlafenen Personalchef wie den bei der TKE. Fliegt der Schwindel auf, gefährden wir nicht nur den gewünschten Arbeitsplatz, sondern womöglich die Karriere.

Fliegt der Schwindel auf, ist die Karriere gefährdet

Versierte Personaler haben offensichtlich einen Blick oder auch ein untrügliches Gespür für die positive Umschreibung der Wahrheit. Im Bewerbungsgespräch haken sie dann gerne genau an den Stellen, an denen sie zweifeln, einmal nach. Den meisten Menschen fällt es leicht, über etwas zu reden, das der Wahrheit entspricht, sie werden aber unsicher, wenn sie sich auf dem Terrain der Lüge bewegen. Da passen dann manchmal die Details nicht so recht zueinander. Im besten Fall hat der Bewerber dann nicht überzeugt und der Personalchef lässt es bei einer Absage bewenden.  Im schlechtesten Fall kann der Schwindel rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Sollte es zu einer Anstellung kommen, Sie aber später in der Position nicht überzeugen, wird der Arbeitgeber womöglich nach einem Druckmittel suchen, um die Kündigung besser darstellen zu können und dann sind Sie als Wahrheitsbeschöniger immer in einer schlechten Position.

Es kommt darauf an, wo „frisiert“ wird

Die Kosmetik in der Bewerbung wiegt natürlich nicht in allen Punkten gleich schwer. Wenn Sie einen Abschluss angeben, den Sie nicht tatsächlich haben, ist das nicht mit „Übertreibung“ zu entschuldigen, sondern zieht rechtliche Konsequenzen nach sich. Wenn Sie bei Ihrer Sozial-Kompetenz  - entsprechend der Anforderungen des Stellenangebotes – betonen, was in Wirklichkeit nicht so stark ausgeprägt ist, ist das Auslegungssache. Wer legt schon den Maßstab dafür fest, wo die Durchsetzungsstärke anfängt? Wer will tatsächlich beurteilen, was unterschiedliche Menschen unter Flexibilität verstehen? Tatsache ist, dass ein frisiertes Auto im Vergleich mit einem nicht frisierten zum gleichen Preis immer ein bisschen besser wegkommt, jedenfalls solange der Käufer kein Kfz.-Mechaniker ist. So ähnlich ist es offensichtlich beim Verkaufen im Bewerbungsgespräch auch.

Beinah jede Bewerbung hat Schwachstellen

Menschen mit einem perfekten Lebenslauf sind heute kaum noch zu finden. Haben wir zu lange bei ein und demselben Arbeitgeber gearbeitet, sind wir nicht offen für Neues und unflexibel. Haben wir zu viele und zu schnelle Wechsel gehabt, sind wir unstet. Je nachdem bei welchem Unternehmen wir uns bewerben - bei Belieben kann uns fast alles als Schwäche ausgelegt werden. Was aber spricht dagegen, die kleinen Schwächen gleich ganz offensiv anzusprechen anstatt sie zu vertuschen?!

Offensiv mit Schwächen umgehen

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich einen Ingenieur bei seiner Bewerbung beraten habe, der eigentlich meinte, seine Karriere sei zu Ende und er habe nun keine Chance mehr. Jürgen, so nennen wir ihn einmal, hatte 30 Jahre in der Automobilindustrie gearbeitet und dann aufgrund von Veruntreuung die fristlose Kündigung erhalten. Jürgen wollte von mir Tipps haben, wie man dies vertuschen könne. Die Automobilindustrie ist aber eine Familie und selbst wenn er sich bei einem Zulieferer beworben hätte, wäre die Gefahr groß gewesen, dass sich der Personaler bei seinem ehemaligen Arbeitgeber erkundigt hätte. Eine Kündigung nach 30 Jahren und der damit verbundene Verlust vieler sozialer Leistungen wirft einfach Fragen auf. Ich habe Jürgen überzeugen können, zwar nicht detailgetreu die Wahrheit zu schreiben, aber sehr nah an die Wahrheit heranzukommen. Er hat dann in seinem Anschreiben Folgendes geschrieben: „… Sie wundern sich wahrscheinlich, dass ich nach 30 Jahren die Firma …verlasse und ich gestehe gerne, dass ich das normalerweise nicht getan hätte. Der Grund für meine Suche nach einer neuen Herausforderung ist, dass ich einen großen Fehler gemacht habe, den ich zutiefst bereue, aber nicht mehr rückgängig machen kann. Es fällt mir schwer, mir diesen Fehler zu verzeihen, aber vielleicht gehören Sie ja zu den Menschen, die der Meinung sind, dass jeder eine zweite Chance verdient hat?! Wenn das so sein sollte, freue ich mich darauf, Ihnen in einem persönlichen Gespräch weitere Details meines Lebenslaufes zu erläutern.“ Jürgen ist nach dieser Bewerbung eingeladen worden und hat den Job bei einem Automobil-Zulieferanten bekommen. Ob es daran lag, dass er so verblüffend ehrlich war oder daran, dass der Personaler neugierig war, hat Jürgen nie erfahren, aber er hat verstanden, dass die Offensive in seinem Fall der einzig gangbare Weg war.

Das Glas ist doch halbvoll, oder?

Zu kleinen Schwächen zu stehen, ist eine Stärke! Es kommt darauf an, wie ich sie darstelle. Ist die Wahrheit: „Ich habe so lange studiert, weil ich eine faule Socke war?“, oder vielleicht „Ich habe länger studiert als üblich, weil ich zwischendurch einmal kurz die Motivation verloren hatte und anderen Dingen, wie meinem Nebenjob, den Vorrang gegeben habe“?  War ich so lange arbeitslos, weil mich partout keiner wollte oder war ich länger arbeitslos, weil ich eine ganz klare Vorstellung davon hatte, was ich wollte und in diesem wichtigen Lebensbereich einfach keinen Kompromiss eingehen mochte? Es spricht nichts dagegen, ein Glas als halbvoll zu  beschreiben, auch wenn andere es als halbleer ansehen.

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von Renate Eickenberg, Autorin und Coach

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