Geduld zur Tugend machen
Ungeduld ist eine schlechte Tugend, von der sich junge Ingenieure in rezessiven Zeiten trennen sollten. Gerade, wenn die Zeiten schwieriger werden, ist Geduld gefragt. Das Timing muss stimmen! Überstürzte Karriereentscheidungen haben jetzt erheblichere Konsequenzen als in Zeiten, wo eine Fehlentscheidung locker durch einen weiteren internen oder externen Stellenwechsel weggesteckt werden kann. Dennoch braucht nicht die große Panik auszubrechen. Auch in der Rezession kommt es zu beruflichem Aufstieg, zu Lob und Ehre. Auf dem Weg gibt es eben nur mehr Fallstricke!
Generelle Karrierestrategie für schwierige Zeiten
Konjunkturzyklen sind in der Marktwirtschaft nichts Ungewöhnliches. Üblicherweise dauert ein Zyklus fünf bis sieben Jahre. Er umfasst sowohl die Abschwung- als auch die Aufschwungphase. Mit anderen Worten: Es geht weder ständig aufwärts noch ständig abwärts. Irgendwo gibt es in der Talsohle einen Wendepunkt. Ist dieser erreicht, wird es langsam Zeit, sich wieder verstärkt nach beruflichen Alternativen umzusehen. Bis dahin ist eher Vorsicht geboten. Die Zeit sollte genutzt werden, viel zu lernen und den Lebenslauf so attraktiv wie möglich zu halten/zu gestalten, um dann in besseren Zeiten mit weißer Weste und gut qualifiziert an den Arbeitsmarkt heran zu treten.
Zeit für Weiterbildung und Karriereplanung nutzen
Wer bei seinem Arbeitgeber sicher im Sattel sitzt, sollte zunächst darauf achten, dass im Job nichts anbrennt. Zeiten des Abschwungs sind aber auch Zeiten zum Nachdenken. Wie soll meine zukünftige Karriere aussehen (Region, Hierarchieebene, Position, Funktion, Branche, Gehalt)? Welche Stärken möchte ich ausbauen? Welche Schwächen möchte ich besser in den Griff bekommen? Welche Bedeutung soll meine Karriere im Verhältnis zu anderen Lebensbereich spielen? Gerade flaue Wirtschaftszeiten eigenen sich am besten für die Weiterbildung und karrierestrategische Ausrichtung, da in solchen Zeiten im Grunde nicht viel verpasst wird.
Erste Nackenschläge verdauen können
Konjunkturell schwache Zeiten sind im Grunde Zeiten der Abhärtung, gerade auch für junge Ingenieure. Hier bietet sich die Chance, durch eigene Erfahrungen und Beobachtungen zu realisieren, dass die Karriere nicht nur die aufwärtsgerichtete Einbahnstraße ist. Es sollte verstärkt gelernt werden, mit Kritik von Vorgesetzten und Kollegen umzugehen und diese auszuhalten. Wer das nicht kann, kneift und zum nächsten Arbeitgeber flüchtet, wird bald seinen Trugschluss erkennen. Auch im neuen Unternehmen sieht es nicht anders aus. Voreiliges, freiwilliges Wechseln ist in der Rezession wenig hilfreich! Wer andererseits der Kritik standhält und um seinen Job kämpft, wappnet sich für zukünftige Karriereschritte. Kritikfähigkeit, Fehlereinsicht und daraus lernen sind wesentliche Grundpfeiler jeder Karriere.
Von erfahrenen Kollegen lernen
Ingenieure sollten jetzt überhaupt die Zeit nutzen, von erfahrenen Kollegen zu lernen. Mit welchen Problemen/Kunde/Lieferanten/Vorgesetzten etc. müssen die sich auseinandersetzen? Wie ziehen sie sich dabei aus der Affäre? Zudem ist auch das gesamte geschäftliche Umfeld schwieriger geworden. Nicht unbedingt winkt jetzt bei jedem überdurchschnittlichen Engagement die Gehaltserhöhung, die Beförderung etc. Wie schaffen es die Kollegen, sich dennoch täglich zu motivieren und gute Arbeitsleistungen zu erbringen? In der Summe können jetzt (zu Beginn der Karriere) wertvolle Erfahrungen gesammelt werden, die bei der weiteren Karriere hilfreicher sind als der Schönwetterstart.
Gefährdungspotenzial erkennen
Junge Ingenieure können auf dem Standpunkt stehen, dass gerade auf sie in einem Unternehmen am wenigsten verzichtet werden kann. Dies trifft höchstens zu, wenn sie eng an den neuesten Technologien in der Forschung, Entwicklung, Konstruktion arbeiten. Wer sich etwa mit Hybridantrieben oder RFID beschäftigt, muss sich sicherlich wenig Gedanken um seinen Arbeitsplatz machen. Die meisten Young Professionals (also Ingenieure, die noch nicht lange im Berufsleben stehen) sind in der Abschwungphase besonders gefährdet. Meist sehr hohe Einstiegsgehälter und kurze Betriebszugehörigkeiten führen zu einem schlechten Preis : Leistungsverhältnis. Von den sozialen Auswahlkriterien stehen Young Professionals in der Gefährdungsliste ohnehin ganz oben. Wegen kurzer Betriebszugehörigkeit, meist unverheiratetem und kinderlosen Familienstand, geringer Ansprüche auf Abfindungen etc., kann man sie in der Regel am preiswertesten frei setzen.
Mit wachen Augen die Unternehmenssituation verfolgen
Aufgrund der hohen Gefährdung sollten Young Professionals genau das Unternehmengeschehen beobachten. Wenn die leiseste Ahnung aufkommt, dass der eigene Arbeitsplatz wackelt, sollte mit Bewerbungsaktionen reagiert werden. Hier eine Reihe von Anlässen, die die Gedanken in diese Richtung lenken sollten: Unfreiwillige personelle Veränderungen in der Geschäftsführung / schwache Medienauftritte der Geschäftsführer / schlechte Presse zum Unternehmen / Investoren, Controller, Revisoren, externe Unternehmensberater tauchen verstärkt im Unternehmen auf / größere Umstrukturierungen sind geplant / Neueinstellungen werden verkompliziert / Kollegen werden ohne Grund nach der Probezeit nicht übernommen / Vorgesetzte kritisieren im übertriebenen Maße Arbeitsleistungen / Förder- und Gehaltsgespräche werden grundlos verschoben / Vorgesetzte arbeiten länger als sonst / Entwicklungsprojekte werden viel früher als vertretbar dem Kunden als fertige Lösungen präsentiert / Projekte werden plötzlich gestoppt oder in ungekannter Härte durchgepeitscht / kosmetische Projekte gewinnen plötzlich an Bedeutung / inhaltlose Moralapelle des Topmanagements.
Nichts anbrennen lassen!
Wurde ein erhebliches Risiko für den Arbeitsplatz festgestellt, sollte nicht vorschnell gehandelt werden. Es ist ja nicht gesagt, dass der eigene Arbeitsplatz tatsächlich wegfällt. Es sollte zunächst um den Arbeitsplatz gekämpft werden. Dabei sollte der betreffende Kandidat versuchen, sich ins rechte Licht zu rücken (eigenes Potenzial für das Unternehmen aufzeigen) und gleichzeitig Zeit für Bewerbungsaktionen zu gewinnen. Dem Chef oder dessen Vorgesetzten sollte einmal eine Leistungsbilanz präsentiert werden. An welchen wichtigen Projekten haben Sie bisher mitgearbeitet? Welche Probleme traten dabei auf? Wie haben Sie diese gelöst? Welche Ergebnisse haben Sie erbracht? usw. Es sollte auch jetzt noch versucht werden, sich in die wichtigsten Unternehmensprojekte einzuklinken. Wenn der Vorgesetzte wechselt, kann es nicht schaden, unverfänglich ein Zwischenzeugnis anzufordern. Last but not least sollte auch schon einmal recherchiert werden, welche Arbeitgeber noch interessant sein könnten.
Freiwilliger Wechsel nicht ausgeschlossen
Der Wechsel aus freien Stücken ist natürlich auch in der Rezession nicht ausgeschlossen. Dennoch sollten einige Regeln befolgt werden. So sollte die Mindestverweilzeit von zwei Jahren nicht unterschritten werden. Um jedes gute bis sehr gute Arbeitszeugnis sollte gerungen werden. Der nächste Wechsel sollte ein nachvollziehbarer Karriereschritt sein (Position, Hierarchieebene, Funktion, Branche). Wechsel in sehr spezielle Positionen und Branchen sollten zweimal überlegt werden. Das Risiko, hier in eine Sackgasse zu geraten, ist besonders hoch. Was ist, wenn dann dort der Stuhl wackelt?
Bewerbungsstrategie wichtig
Die Bewerbungsstrategie heißt in der Rezession: „Aus allen Rohren auf den Arbeitsmarkt schießen!“ Für Young Professionals bedeutet dies: Registrierung in Bewerberdatenbanken, Schalten von Stellengesuchen in maßgeblichen Medien, Initiativbewerbungen (insbesondere auch beim Mittelstand), Bewerben auf Stellenanzeigen in Print und Online. Statt zögerlich fünf Bewerbungen in den Markt zu schicken, sollte hier die Schlagzahl deutlich erhöht werden, insbesondere dann, wenn bereits die Kündigung ausgesprochen wurde! Vorsicht ist allerdings bei Vorstellungsterminen geboten. Wer ständig hier und dort einmal im eigenen Unternehmen für einen Tag fehlt, macht sich verdächtig, zumindest dann, wenn er ungekündigt ist.
Qualität der Bewerbung nimmt an Bedeutung zu
Während im Boom der eine oder andere Schönheits-, Grammatik-, Stil-, Rechtschreibfehler den Ingenieuren großzügig verziehen wurde, sind Zeiten des konjunkturellen Abschwungs immer solche, in denen das Haar in der Suppe gesucht und meistens auch gefunden wird. Betrachtet man heute Online Bewerbungen (auch von Ingenieuren), so wimmelt es teilweise in erschreckendem Ausmaße von Fehlern. Zwar kann immer damit argumentiert werden, dass Online eben oberflächlicher ist als die klassische Bewerbung. Nachlässigkeitsfehler lassen aber immer auch auf das wahre Interesse des Kandidaten an dem Unternehmen, die Ernsthaftigkeit der Bewerbung oder aber auf ein wesentliches Persönlichkeitsmerkmal schließen.
Verkauf der letzten Berufsstation
In der Bewerbung von Young Professionals ist es besonders wichtig, die Berufsjahre interessant in der Bewerbung und im Vorstellungsgespräch zu verkaufen. Zudem muss die Begründung einleuchten, weshalb der Kandidat das Unternehmen wechseln will, zumindest wenn er dies freiwillig tun möchte. Da es nicht unendlich viele Vorstellungsgespräche in rezessiven Zeiten gibt, sollte der Kandidat bestens präpariert ins Vorstellungsgespräch gehen. Der Name des aktuellen Arbeitgebers sollte übrigens bei ungekündigtem Arbeitsverhältnis in der schriftlichen Bewerbung erst einmal zurückgehalten werden. Im Vorstellungsgespräch ist es (echtes Interesse der anderen Seite vorausgesetzt) immer noch Zeit genug, Ross und Reiter zu nennen.